THE BIG DRINK   2019
KunstKulturKirche Allerheiligen, Frankfurt
Text zur Ausstellung von Dr. Isa Bickmann


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"THE BIG DRINK"

Zur Rauminstallation von Urban Hüter in der KunstKulturKirche Allerheiligen


Die Parabelform der von Alois Giefer und Hermann Mäckler entworfenen Allerheiligenkirche führt die BesucherInnen auf das Licht zu, dorthin, wo Urban Hüter hoch über dem Altar eine schirmartige Plastik installiert hat. Der Lichtraum der Kirche zitiert die Idee einer Apsis. Urban Hüter wiederum scheint mit der Konstruktion des Schirmes auf den polygonalen Chorabschluss dieser Apsis zu reagieren: Die Form eines Rades mit acht Speichen ähnelt einem Achtachtel-Abschluss. Die Schmucklosigkeit des Innenraums der 1953 geweihten Kirche lenkt den Blick auf die Baustruktur und verführt zum Zählen. Die Anzahl der Nischen und Wandpfeiler, Säulen und Stufen steht in ihrer Zahlensymbolik ganz in der Architektur- tradition von Kirchenbauten. Die Acht ist, darauf deutet ein traditioneller Apsis-Abschluss hin, eine Zahl der Vollkommenheit. Daher entwickelte sie in den Religionen die Kraft von Ideal und Perfektion: Man denke an das achtspeichige Rad im Buddhismus, die acht Pfade, die im hinduistischen Glauben zur geistigen Vollkommenheit hinführen oder den achten Schöpfungstag. Am achten Tage nach Ostern erschien Christus seinen Jüngern. Die Acht ist auch aufgrund ihrer Form Sinnbild der ewigen Seligkeit und des geistigen Kosmos.¹


Über dem Altar befestigt, scheint die schirmartige Form das Licht, das tagsüber durch die Kuppel strömt, aufzufangen und wie ein Trichter durch den schlangenartigen Fortsatz her- abzuleiten. Man könnte auch meinen, von oben fahre ein silberfarbener Blitz nieder. Oder schützt dieser Schirm, der überdies an einen Pilz erinnert, den Altarraum? Kirchen seien ja auch Schutzräume, bestätigt der Künstler im Gespräch. Führt er damit auf den Irrweg, und es handelt es sich doch eher um eine Meduse, d.h. eine Qualle, oder ein Seepferdchen auf dem Weg zur Wasseroberfläche? So jedenfalls ließe sich die an der Decke schimmernde Lichtspiegelung des glänzenden Materials deuten.

Betrachtet man die Figur über dem Altar von weitem, stellt sich neben den eben genannten Assoziationen Schirm, Pilz, Blitz und Qualle eine weitere ein: Die Kontur erinnert an den am Kreuz hängenden Christus mit den ausgebreiteten Armen und den zu seiner linken Seite gewendeten Knien. Die Platzierung der Arbeit über dem Altar könnte diese Idee bestätigen. Hüter spricht dagegen von einer „neuen Entität“, die er geschaffen habe. Er will keine Eindeutigkeit ausdrücken.

Das Gegenstück zur Altarfigur befindet sich an der linken Seitenwand der Allerheiligenkirche. Auch hier bieten sich vielfältige Assoziationsmöglichkeiten an: ein aus der Form geratener Stern, eine weibliche Brust, eine stachelige Frucht, eine Klette, ein Virus. Dieses mit Tentakeln gepanzerte Wesen beansprucht Raum, es versucht den Boden zu erreichen. Die Beleuchtung kommt aus dem Inneren. Das Licht bildet einen Nimbus, der sich wiederum im Objekt spiegelt. „Es ist“, schreibt mir der Künstler, „eine Allegorie auf die Natur“. Es solle „ausgesaugt wirken, wie ein leeres Trinkpäckchen“. Auch die zerknitterte Oberfläche der Schirmform beschreibt er als ausgesaugt oder vertrocknet. Das Material hat der Künstler dazu mühevoll mit dem Hammer bearbeitet und mit Popnieten zur Form werden lassen. Über das glänzende, das Licht reflektierende Aluminium Blech gehen die Figur über dem Altar und die Wandarbeit eine Beziehung mit reichlich Interpretationsspielraum ein. Während die Pilzartige Licht empfängt, strahlt die Sternartige Licht ab.

Man könnte dies – unter Berücksichtigung des Standortes – in Beziehung zum ersten und vierten Tag der Genesis setzen, der Erschaffung des Lichts bzw. der Sterne. Die eine schwebt, strebt nach oben, die andere scheint sich erdnah festkrallen zu wollen. Himmel und Erde, Wasser und Trockenheit, das Gute und das Böse, Eizelle und Spermium, männliches und weibliches Prinzip, all diese Vorstellungen rufen die beiden Plastiken auf. Außerdem könnte man meinen, oben schwebe die Schlange, die Erkenntnis bringt, womit man noch einmal den Bogen zur biblischen Genesis zurückschlagen würde. Die Objekte heißen „Hybris“ und „Demut“.

Selbstüberhebung und Unterordnung charakterisieren den Dualismus der menschlichen Haltung gegenüber der Natur. Für den Künstler stehen sie für Leben und Tod.

Über dem Taufbecken wurde die Arbeit „Pole“ installiert. Phantastisch anmutende Objekte drehen sich um eine Stange. Der Künstler klärt auf, dass er mit Dübeln und ähnlichem veränderte Spielzeuge, z. B. einen Kreisel und einen Globus mit Kupfer galvanisiert hat. Dieser Überzug sei zeitgemäßer, sagt er. Das Metall ist also nicht wie in der klassischen Metallplastik gegossen worden, sondern es wurde ein elektrochemischer Prozess genutzt. Die Information liegt unter der Kupferschicht verborgen, wo sich die originalen Spielzeuge noch befinden. Ein gleichmäßig laufender Discokugel Motor treibt das Werk an. Man könnte von einem Perpetuum mobile sprechen, wenn es keinen Strom benötigen würde. Von der maschinenhaften kinetischen Plastik etwa eines Jean Tinguely (1925–1991) unterscheidet es sich durch die poetisch anmutende Sanftheit seiner Bewegung. Kennzeichnend für die kinetische Plastik generell ist, dass sie das Thema Zeit anspricht. In der Transformation während ihrer Entstehung verweist sie zugleich auf das Prozesshafte des Schöpferischen. Laufend verändert Hüter seine Werke durch Zufügen und Entfernen, bis sie sich in seinen Augen verfremdet haben. „Wenn ich nicht mehr weiß, was es genau ist, dann ist es eine gute Skulptur“, erklärte der Künstler in einem Interview seine Arbeitsweise.²

Doch wenn Hüter selbst über das Ergebnis seines Schaffens staunt, nimmt er uns nicht alle Schlüssel, die das Werk erschließen könnten. Er gibt uns vielmehr ein ganzes Schlüsselbund in die Hand, wie z. B. mit dem Ausstellungstitel „THE BIG DRINK“: Aus dem Vollen schöpfen, „Das Maß ist voll“, Überflussgesellschaft, Müllstrudel im Meer, Coca Cola könnten Glieder einer Assoziationskette sein. Der Begriff „The Big Drink“ stammt ursprünglich aus der Seemannssprache. Ein „Urban Dictionary“ erklärt, mit Big Drink sei ein Ozean gemeint, im Besonderen der Atlantische Ozean. Das „Great Pacific Garbage Patch“, jener im Nordpazifik schwimmende Teppich aus Plastikmüll ist ungefähr viereinhalb Mal so groß wie Deutschland.³ Coca-Cola vertreibt pro Jahr 88 Milliarden Plastikflaschen. ⁴
Der Online Buchhandel verrät mir, dass 1960 ein Buch über die Coca-Cola-Company mit dem Titel „The Big Drink“ erschienen ist. Cola ist Bestandteil des vierten Werk Komplexes in der Allerheiligenkirche.


Aus dem Meer entstand das Leben, es bestimmt den dritten Tag der Schöpfungsgeschichte. Fehlendes Wasser suggerieren die vom Künstler als „eingetrocknet“ beschriebenen Werke aus Aluminiumblech. Die Arbeit „Pole“ wurde über dem Taufbecken installiert. Weitere Flüssigkeiten finden wir hinter den Glasscheiben an der rechten Seitenwand der Kirche. Hüter hat sie mit Honig, Cola, Sonnenblumenöl, Altöl, Sirup und Spülmittel gefüllt. Er gibt ihnen den Titel „Stratification“, was auf die Bildung von Schichten anspielt, da die benutzten Flüssigkeiten sich nicht verbinden können. Hüter verknüpft die Schichtung mit dem Ende der Welt, also mit der vorkopernikanischen Vorstellung, dass die Erde an einem Punkt oder entlang eines Randes abrupt endet.

Verschwörungstheoretiker, so genannte „Flat Earthers“, hängen heute wieder entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen dieser seltsamen Vorstellung an. Auch wenn die drei Werke eine quasi malerische Ästhetik vermitteln, beispielsweise an die Gemälde des US-Amerikaners Mark Rothko denken lassen, so stellt sich ein leichtes Unwohlsein im Magen ein, wenn man von den Zutaten hört. Es ist dieses Anziehen und Abstoßen, das die gesamte Installation in der Allerheiligenkirche charakterisiert und ihr eindeutige Wertungen entzieht. Hüter verwendet stets menschengemachtes Material, sein Bezug ist also das Anthropozän, um den zurzeit populären Begriff zu benutzen. Dieser verdeutlicht, dass wir in dem vom Menschen dominierten Zeitalter leben, und impliziert, dass wir Menschen dabei sind, unseren Heimatplaneten zu zerstören.


Der an der Akademie in Nürnberg ausgebildete Künstler stammt aus einer Steinmetz Familie. Er ist daher mit der christlichen Ikonographie von Kindheit an vertraut. Über den Bezugsraum hinaus, der an den kirchlichen Ausstellungsort gebunden ist, zieht Urban Hüter rote Fäden zum Beziehungsgefüge Mensch/Natur, zu den Meeren, den Sternen, den Tieren und mündet in einer – man könnte sagen – pantheistischen Durchdringung im Großen wie im Kleinen. Er habe schon immer unter jeden Stein geguckt, um zu sehen, was für ein Wesen sich darunter befinde, verrät er. Urban Hüter trägt in sich eine anhaltende Neugier darauf, was aus dem Material hervorzuholen ist. Dieses entwickelt sich unter den Händen des Künstlers zu einem Organismus, zu transformierten Körpern. Im Zusammenspiel von Bewegung, Licht, Schatten, Materialität und offenem Interpretationsraum durch gegenständliche, aber uneindeutige Anmutung, weist Urban Hüter auf existenzielle Fragen des Daseins hin.

 

Dr. Isa Bickmann

 

 

¹ LCI, Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg 1994, Bd. 1, S. 39.

² Interview mit Urban Hüter anlässl. des Kunstpreises der Nürnberger Nachrichten, Juli 2019,
https://www.nordbayern.de/kultur/urban-huter-gewinnt-nn-kunstpreis-1.9110349 (abger. am 28.10.19)

³ Quelle: Heinrich Böll Stiftung, https://www.boell.de/de/plastik-im-meer (abgerufen am 28.10.19)

⁴ Ebd. Coca Cola gilt nun im zweiten Jahr in Folge als die umweltschädlichste Marke weltweit. Das Unternehmen ist für mehr Plastikmüll verantwortlich als die nächsten drei Umweltverschmutzer zusammen.
-> https://theintercept.com/2019/10/23/coca-cola-plastic-waste-pollution

Text zur Ausstellung "THE BIG DRINK" von
Dr. Isa Bickmann

 

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