SHIFTING BASELINES
Marburger Kunstverein, 2019
Text zur Ausstellung von Lina Louisa Krämer


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»Shifting Baselines«

Über Verwandlungen

Ein Mann wacht auf und findet sich in einer neuen Realität wieder, in einem neuen Körper, und zwar in dem eines Ungeziefers. Die Eltern und die Schwester wenden sich von dem jungen Mann ab, der durch seine plötzliche Andersartigkeit nicht mehr in das gelebte System passt. Der, der zuvor als Ernährer die Familie um sich zentrierte und durch sich zusammenhielt, kann sich dieser nun nicht mal mehr nähern, getrennt durch den ihn umgebenden Chitinpanzer des Insekts, das er nun ist. Diese Familie lässt den Mann, das Insekt, mit sich und seinem neuen Selbst zurück, sie sperren ihn ein in einem Zimmer der gemeinsamen Wohnung, das sie fortan meiden, bis er schließlich einsam stirbt, sterben muss, während sich der Rest der Familie eine neue Realität schafft, in der eine alternative Verteilung der Rollen gelebt wird, eine alternative Zukunft zum Zug kommt. Kafka verhandelt in “Die Verwandlung” (pub. 1915) eine neue Zeit, sich auflösende Rollenbilder und ein Verständnis einer fragmentierten Realität, die Ängste und Verunsicherung mit sich brachte. Überfällige Rollenverteilungen werden aufgelöst, neu verteilt und somit die Wichtigkeit des Rollenträgers selbst und ein hierarchisch ordnendes System infrage gestellt, das es bis dato nicht zu hinterfragen galt.

Den Gedanken von Neuem, erschaffen aus einer fragmentierten Zeit, greift auch Urban Hüter mit seinen Arbeiten auf. Indem er auseinandernimmt, was es schon gibt und zusammenfügt zu dem, was es noch nicht gab, schafft er Körper oder einen Korpus, der ein klandestines Eigenleben führt. Seine bildhauerischen Arbeiten sind mehr abstrakt als figürlich, trotzdem eine eigene Figur bildend. Referenzen zur Kunstgeschichte, zur historischen und religiösen Darstellung, die ikonografisch bestimmt wurden, aber auch zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskursen finden sich in seinen Arbeiten wieder.

Doch geht es nicht nur um das Fragmentieren und Zusammenfügen, sondern auch darum, wie diese neuen Zustände wirken und was sie in einem weiteren Schritt bewirken können. Wie dieses Eigenleben, entstanden aus Zweckentfremdetem eine Berechtigung erhält. Als Betrachter*in sieht man sich vor Hüters Arbeiten mit einem visuellen Spannungsfeld konfrontiert, in dem die präsentierten Formen und Materialien, das Erkennen und die Entfremdung fließend ineinander übergehen lassen. Das Auge springt von einem kohärenten Narrativ zum nächsten, auf der Suche nach Orientierung. Der Blick verharrt an den Konturen vermeintlich vertrauter Formen, die sich aus der Tiefe einer undefinierbaren Masse heraus an die Oberfläche zu drücken scheinen, nur um gleichzeitig wieder in ihr zu versinken. Durch Wiederholungen, die auch den Schaffensprozess prägt, erscheint diese Gleichzeitigkeit geradezu endlos. Vielleicht entdeckt man irgendwann in der monochromen Farbgebung eine lebendige Form, ein florales Gewächs, wie die kinetische Arbeit “Pole” (2019), das sich in die Höhe windet und sich einsam um sich selbst dreht.

In der Doppelausstellung mit dem Titel “Shifting Baselines” im Marburger Kunstverein, kann man verschiedene Stadien solcher Verwandlungen sehen.
Verwandlungen oder besser Umwandlungen, denn der Schaffensprozess hat weniger mit Magie, als mit Schweiß-, Flex- und Schraubarbeit zu tun. Genauso, wie diese Prozesse sichtbar zu seinen Arbeiten gehören, gehören auch die bekannten Formen zu Hüters Werken. Die raumfüllende Skulptur “Anthropodizee” (2019) beispielsweise, die sich aus einer unsichtbarer Tiefe zu erheben scheint, einen eigenen Kosmos bildet, aus einer anderen Dimension kommt, setzt sich aus unzähligen Autoteilen aus Aluminium und Plastik zusammen. An vielen Stellen sieht man Schrauben, das überlappende Material scheint unter Spannung zu stehen und verleiht dem Ganzen eine Kraft, die diese Spannung gerade standhalten kann, ohne zu zerbersten. Was sich im Inneren des Körpers befindet, bleibt verschlossen, genauso wie die Autoteile, die jetzt diesen Panzer bilden, einst hinter einer Karosserie verborgen lagen und sich nun schützend zusammenfügen, in der Bewegung verharrt. Der Titel verweist auf das gegenwärtige Zeitalter des Menschen, und leitet anders als die Theodizee, die Frage nach einer Rechtfertigung des Menschen angesichts seiner negativen Einflüsse auf die Welt, nicht nach einer Rechtfertigung von Gott im Angesicht der menschlichen Sünden ab, sondern vor dem Menschen als Verursachen selbst. Warum soll neues Leben geschaffen werden, wenn ohnehin alles Leben irgendwann sinnfrei endet? Urban Hüters Arbeit kann in diesem Kontext auch als Antwort auf unser Konsumverhalten auf die Ausbeutung unseres Planeten verstanden werden.


Dieser farblich unauffälligen Arbeit gegenüber hängt die Wandinstallation, mit Flüssigkeit gefüllten Objekten, blinde Fenster zu einer ungreifbaren Zukunft der Serie “Windows” (2019), die sich schon durch ihre feine Farbigkeit behaupten kann. Und auch hier lassen sich Vermutungen über ein Eigenleben anstellen. Vielleicht nicht durch etwas Verborgenes, vielmehr lässt hier gerade die Sichtbarkeit ähnliche Fragen aufkommen. Was ist möglich? Können sich die übereinander abgelagerten Schichten in der Arbeit vermischen? Sind die Spuren am Glas ein Zeichen dafür, dass der Zustand nur temporär ist, sich die Arbeit im Laufe der Zeit noch verändern wird? Kann eine Reaktion zwischen ihnen stattfinden? Vielleicht herrscht aber hinter dem Glas auch ein Eigenleben, gut vor neugierigen Blicken geschützt auf der anderen Seite. Passend, aber nicht diese Fragen beantwortend, bezeichnet Hüter seine Arbeiten selbst als Organismen oder ein System, das im Prozess an Ausdruck und Form gewinnt.

Verwandlungen finden in seiner künstlerischen Praxis nicht etwa auf verschleierte Weise statt, sondern durch die offengelegte “Umnutzung” von Gegenständen. Dem Loslösen von zu erfüllender Funktion. Der Änderungen von Zuständen und Zuschreibungen, durch Zusammenfügen und nicht zuletzt durch die Offenlegung dieser Prozesse, so wiederum werden neue Zusammenhänge geschaffen. Wie auch die Gattung der Installation selbst befinden sich Urban Hüters Arbeiten in Bewegung. Mal entstehen sie für einen spezifischen Ort und Kontext, dann wieder aus einem Materialfund heraus, der sich zufällig ergab. Dann wieder werden sie von Motoren angetrieben, die sich in Bewegung setzen und so den Eindruck verstärken, es würde sich um lebende Organismen handeln. Während am Ende von Kafkas die Verwandlung das Ungeziefer, der Erfüllung seiner Aufgaben nicht mehr mächtig, unnütz für das System Familie einsam stirbt und von dem Mann nichts bleibt, als ein flache, ganz ausgetrocknete Hülle, fängt Hüters den Moment auf, zersetzt diese Hülle und vereint sie zu einer neuen Möglichkeit. Hin zu einem Ort, an dem neue Codes probiert werden können, an dem ein Ungeziefer vielleicht einen ganz eigenen Sinn entdecken kann.

Lina Louisa Krämer

Text zur Ausstellung von Lina Louisa Krämer

Urban Hüter
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