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Fotografien: Jens Gerber


»Wir suchen überall das Unbedingte,
und finden immer nur Dinge.«


Auf den ersten Blick wirken Urban Hüters Arbeiten surreal. So lassen seine skulpturalen Mischwesen an die wimmelnden Visualisierungen des Fegefeuers von Hieronymus Bosch denken, die ihrer Zeit weit voraus waren. Jedoch ist Hüters Triebfeder nicht die Religion, sondern der Glaube an die Beseeltheit der Dinge, die eine menschliche Berührung hinterlässt.

Zeitgenössisch und reflektiert setzt er sich mit Motiven auseinander, die das Selbstverständnis der Romantik wachrufen – die Sehnsucht nach einer Einheit von Mensch und Natur, das Spielen mit dessen Unmöglichkeit und dessen Visualisierung im Motiv des Unheimlichen. Er verherrlicht die Beseeltheit der Dinge nicht, lässt sie jedoch auch nicht los und macht so deutlich, dass sie ein wichtiger Teil unseres zeitgenössischen Selbstverständnisses ist. Er zeigt damit auf, dass diese Sehnsucht bereits Teil unseres kulturellen Erbes ist und ebenso ein Teil unserer reflektierten Zukunft werden muss.Warum? Nicht weil sie es ermöglicht, sich dem aufgeklärten Alltag zu entziehen, wie es einst die Surrealisten mit ihren drogen- oder hypnoseindizierten Traumbildern taten. Hüters Versionen von surrealen Bildwelten weisen sich durch ihre Materialität als Teil unserer Gegenwart aus und ermöglichen damit einen wachen Blick auf ebendiese.

So sind etwa das Weibliche und die Muse Themen, die seine Arbeiten prägen, ohne, dass sie augenscheinlich sichtbar würden. Denn seine Ausformulierungen setzen nicht auf die kurzweiligen und heutzutage zu Recht umstrittenen Inszenierungen attraktiver Frauenakte. In seinen Arbeiten findet sich vielmehr abstrahierte Essenzen des Weiblichen in Symbolen und Formen, die ernst nehmen und wertschätzen, was das starke Geschlecht ausmacht.

Dies zeigt sich zum Beispiel innerhalb der Ausstellung „Monoflosse“ anhand der Arbeit „Nymph“. Sie ist an der Decke des von der Straße einsehbaren Teils der Galerie Perpetuel befestigt. Ihre Form erinnert unter anderem an einen Embryo, der in der Frühphase seiner Entwicklung noch aussieht, als würde der untere Teil seines Körpers aus einer großen, spitz zulaufenden Flosse bestehen. Der Titel „Nymph“ verweist auf das frühe Entwicklungsstadium von Insekten kurz bevor sie flügge werden. Man kann auch eine Wespe sehen, die bedrohlich ihren Stachel hervorreckt. So individuell die unterschiedlichen Richtungen, in die man die Abstraktion auflösen kann, sind, sie eint eine Stimmung, die von ihrer Materialität getragen wird. Die dunklen Plastikteile verweisen in ihrer industriellen Machart nicht nur auf ihren Ursprung in der Fabrik, sondern auch auf Motive aus der dunklen Romantik, wie etwa Mary Shelleys Frankenstein, dessen künstlicher Ursprung durch seine natürliche Überformung das Lebendige an sich in Frage stellt.


Im hinteren Teil der Ausstellung erzählen die virtuosen Vasen ihre ganz eigene Geschichte. Auch sie verweisen auf die Weiblichkeit, die seit der Antike durch ein Gefäß symbolisiert wird. Die Ausgangsformen der kleinen Skulpturen sind industriell hergestellte Vasen, deren Dekor aus den farbenfrohen 70er Jahren zu stammen scheint. Was das vergebliche Streben nach einer Einheit von Mensch und Natur auch hier wieder ins Bild holt, ist der verspielte Umgang mit der Verkupferung. Auf den Vasen und aus ihnen heraus wachsen absurde organische Wucherungen, die ihre Träger nicht nur beleben, sondern auch derartig vereinnahmen, dass sie sie teilweise zu verschlingen scheinen. So kippt auch hier was zunächst als fruchtbar und prosperierend daherkommt ins Unheimliche. Die Natur triumphiert augenscheinlich über die menschengemachte Form. Erst in der Annäherung wird jedoch klar, dass hier nichts natürlich ist, sondern es die Hand des Künstlers war, die den physikalischen Prozess initiierte, der diese scheinbar natürlichen Formen provoziert hat.


Die Hand des Künstlers ist es, die zuschaut und zulässt, dass sich die Formen aus den Materialien heraus entwickeln und die Verkupferungen über Tage wie Pflanzen wachsen können. Jedoch ist es auch diese Hand, die alles formt, miteinander verbindet und so der Flosse ihren Schwung und den Dingen ihre unbedingte Seele gibt.


Marina Rüdiger

 

¹ Novalis, Fragmente. Erste, vollständig geordnete Ausgabe hg. von Ernst Kamnitzer, Dresden 1929. Bruchstücke philosophischer Enzyklopädistik

Text zur Ausstellung "MONOFLOSSE" von Marina Rüdiger

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